Es gibt immer eine Alternative

„Europäische Außenpolitik: Otto von Habsburgs Verständnis von Europas Rolle in der Welt“, lautete der Titel des Vortrages von Karl von Habsburg beim „I. Otto von Habsburg Symposion“ in Wien. „Paneuropa Österreich“ dokumentiert den Vortrag.

 

 

 

 

Zum Thema „Otto von Habsburg und Außenpolitik“ zu sprechen, ist nicht so einfach. Wo fängt man an, und wo hört man auf? Denn Otto von Habsburg war und ist Außenpolitik. All die Tätigkeit, der er sich Zeit seines Lebens gewidmet hat, hatte im großen und ganzen mit Außenpolitik zu tun. Das hat sich nicht zuletzt auch im Europä­ischen Parlament in seiner Tätigkeit im außenpolitischen Ausschuß niedergeschlagen, dem er 20 Jahre angehörte. Er war gezwungen Außenpolitik zu machen, da er keine Innenpolitik machen konnte. Es gab ja kein Land in dem er Innenpolitik hätte machen können. Das heißt, alles was er in seinem politischen Leben gemacht hat, war im Grunde genommen Außenpolitik.

Es ist natürlich unmöglich dies alles im Rahmen eines Referates zu beleuchten, deshalb möchte ich versuchen ein paar spezifi­sche Aspekte hervorzuheben. Vor allen Dingen auch unter Berücksichtigung der anderen Redner die hier sind. Es liegt in der Natur der Sache – da mein Vater ein sehr langes politisches Leben geführt hat –, daß die meisten Menschen, die mit ihm zu tun hatten, Aspekte der ­letzten 20, 30, vielleicht 40 Jahre seines politischen Lebens betrachten konnten. Deswegen habe ich mir vorgenommen, eine mehr historische Betrachtungsweise zu wählen, zunächst einmal vor dem geistigen Hintergrund, auf dem mein Vater seine außenpolitischen Ideen aufgebaut hat. Und dabei möchte ich einen Blick auf jene Zeit aus seinem Leben werfen, die am wenigsten bekannt ist.

Wenn man heute Bücher über Otto von Habsburg liest, erfährt man relativ viel über die Zwischen­kriegszeit, über die Zeit des Engagements gegen den Nationalsozialismus, die gut dokumentiert ist. Und man erfährt natürlich sehr viel über die Zeit im Europäischen Parlament und sein europäisches Engagement. Aber es gibt einige Jahrzehnte dazwischen. Das ist die Zeit, die ich als die Zeit des Hauptkampfes gegen den Kommunismus bezeichnen würde. Ich werde mir erlauben, doch ein paar Minuten dieser Zeit zu widmen, um einfach zu zeigen, wie konsistent diese Persönlichkeit Otto von Habsburg in ihrem polit­ischen Leben, in ihrer politischen Überzeugung war.

Ich möchte aber mit einer historischen Betrachtungsweise anfangen. Nicht zuletzt deshalb, weil dies auch mit meiner Erziehung oder mit der Erziehung meiner Geschwister zu tun hat; auch mit der Erziehung der nächsten Gene­ration, da mein Vater selbstverständlich gerne auch Einfluß genommen hat auf die Interessen und auf die Erziehung seiner Enkelkinder.

Wenn ich mich an die Schulzeit zurückerinnere, dann hat es für meinen Vater eigentlich nur drei Gegenstände von großem Interesse gegeben. Ich erinnere mich an keine einzige Gelegenheit in der er mich gefragt hätte, wie meine Noten oder mein Kenntnisstand in Mathematik oder Physik waren. Das hat ihn schlicht und einfach nicht interessiert. Was ihn interessiert hat, waren die Kenntnisse in Geschichte, vielleicht sogar noch etwas mehr in Geographie. Er hat dies mit uns Kindern ständig als Spiel betrieben, wo man eben seine geograph­ischen Kenntnisse unter Beweis stellen mußte. Und natürlich war Religion auch ein wesentliches Fach. Aber ich würde sagen Geschichte und Geographie waren zweifellos die dominanten Elemente. Man sieht es ja auch in den ganzen Schriften von Otto von Habsburg, daß jeder politische Bezug, den er herstellt, auf einem geschichtlichen Wissen aufbaut.

Ich möchte ein spezielles Element hervorheben und die Parallelen aufzeigen, die man zweifellos zur aktuellen Politik und vor allen Dingen auch zur aktuellen europäischen Politik sehen kann, die meiner Überzeugung nach für ihn eine der determinierenden historischen Rollen waren. Es wird Sie wahrscheinlich nicht erstaunen, wenn ich hier als Beispiel die Geschichte Burgunds hervorhebe. Es ist so, daß mein Vater den bedeutendsten historischen Aspekt der Familie im Bereich des burgundischen Erbes, im Bereich der burgundischen Idee gesehen hat. Und zwar noch stärker als die habsburgische Idee, weil für ihn die Familie Habsburg oder das habsburgische Erbe, das Haus Habsburg, durch das burgundische Erbe die größte historische Bedeutung erreicht hat. Das burgundische Gedanke­n­gut kam zur Familie und ist innerhalb des Hauses in die polit­ische Tätigkeit des Hauses Habsburg integriert worden.

Das Erbe der Burgunder

Die Zeit der vier regierenden Burgunderherzöge war eine historisch sehr kurze Zeit. Den Titel gab es lange vorher, da lag er beim König von Frankreich, später beim Haus Habsburg. Aber bei diesen vier Burgunderherzögen gab es eine politische Tätigkeit die von einer so großen Bedeutung war, daß Otto von Habsburg diesen historischen Aspekt immer herausgestrichen hat als denjenigen Aspekt, der eigentlich ganz Europa geformt hat. Was war denn Burgund? Burgund war im Grunde genommen ein kleines Herzogtum, das völlig zersplittert von der Nordsee bis herunter in die heutige Schweiz reichte. Es lag zwischen zwei großen Kräften, auf der einen Seite dem Römischen ­Reich, auf der anderen Seite dem Königtum Frankreich. Es wurde von beiden Seiten ständig bedroht. Es gab immer territoriale Ansprüche. Viele Teile Burgunds waren Lehen, entweder vom französischen König oder vom römischen Reich. Und damit war eigentlich ein ständiger Konflikt vorprogrammiert.

Was waren die Stärken Burgunds? Zunächst einmal, daß es mit Abstand das reichste Land in Europa war. Es hatte die wichtigsten Häfen und konnte damit die wichtigsten Handels­wege innerhalb Europas kontrollieren. Mit dem großen Nachteil allerdings wiederum, daß es die Wege in ihrer Gesamtheit nicht kontrollieren konnte, da ja die Teile Burgunds zersplittert waren. Das heißt, man konnte nicht mit einer Armee von einem Teil Burgunds in den anderen Teil marschieren, da man immer über fremdes Territorium hätte marschieren müssen.

Und hier möchte ich mit den Parallelen zu Europa anfangen, weil sie so offensichtlich auf der Hand liegen. Für meinen Vater war das Bedeutende bei der Formation Europas die Position zwischen zwei großen Blöcken. Damals waren es der Warschauer Pakt und die Nato. Und der Druck dieser beiden Blöcke hat Europa tatsächlich mitgeformt. Das ist eine der historischen Parallelen zu Burgund. Man muß sich die geographische, aber auch die politische Lage Burgunds vorstellen. Burgund existierte im ausgehenden Mittelalter. Es war der dritte Herzog von Burgund, Philipp der Gute, dem es durch viele seiner politischen Reformen geglückt war, dieses Europa, und ich nehme jetzt einmal Italien aus dieser Betrachtung aus, vom ausgehenden Mittelalter in die Renaissance zu führen. Dies hatte viele Aspekte. Zum einen war er ein begeisterter Kunstliebhaber und Mäzen, der kulturell sehr viel bewirkt hat. Das war nicht das Bedeutendste.

Das Wichtigste war die Erkenntnis über ein Land zu verfügen, das nach absolutistischen Grundsätzen nicht mehr geführt werden konnte; wo es notwendig war, in den verschiedenen Teilen eine Selbstverwaltung einzuführen; wo es notwendig war, nicht mit einer zentralen Verwaltung hineinzuregieren, sondern zu versuchen die lokalen Kräfte aufzubauen, um dort die Stärken herauszubilden, die dann auch tatsächlich Burgund stark machen würden. Auch das läßt viele Parallelen zu Europa zu.

Man muß sich die politischen Institutionen anschauen. Die Herzöge von Burgund haben in einer völlig absolutistischen Zeit gelebt. In Burgund war es nicht nur so, daß plötzlich ein echter Dezentralismus geschaffen wurde, sondern es wurde auch eine politische Institution geschaffen, die vielfach anfangs nicht als solche erkannt wurde. Das war die Schaffung des Ordens vom Goldenen Vlies. Es gibt sehr viele Theorien, was die Grundlage des Ordens vom Goldenen Vlies hätte sein können. Ich glaube nicht, daß eine einzige von diesen alleine richtig ist. Es ist die Vielzahl der Argumente, wie es zu dieser Ordensgründung gekommen ist, die wirklich dann die Bedeutung des Ordens geschaffen haben.

Ein kleines Beispiel ist die Theorie hinsichtlich des englischen Hosenbandordens. Der Herzog von Burgund wurde durch den englischen König eingeladen, Mitglied des Hosenbandordens zu werden. Das hätte natürlich den Herzog von Burgund in eine außerordentlich schwierige Lage gebracht, da er sich bei einer Art Verbündung mit England automatisch mit dem französischen König in einer schwierigen Situation befunden hätte. Also mußte er einen diplomatischen Weg finden, um dem Hosenbandorden zu entgehen. Einer der Wege war eben die Schaffung des Ordens vom Goldenen Vlies als sogenannten Non-Aliud-Orden. Wenn man das Goldene Vlies hat, darf man keinen anderen Orden, keine andere Dekoration annehmen. Und mit dieser Begründung konnte er die Annahme des Hosen­bandordens ablehnen ohne diplomatische Verwicklungen zu schaffen.

Aber der wesentliche Hintergrund zur Schaffung des Ordens vom Goldenen Vlies war meiner Überzeugung nach die Tatsache, daß er mit diesem, wenn ich das einmal so bezeichnen darf, politischen Vehikel, seine ganzen Nachbarn, die Herrscher der verschiedenen Nachbarstaaten, einladen konnte, in einem gemeinsamen polit­ischen Gremium zu sitzen, an das er eine ganze Reihe von souveränen Herrschaftsrechten abgegeben hatte. Darunter das wichtigste Herrschaftsrecht der damaligen Zeit, nämlich das Recht, Krieg und Frieden zu er­klären. In diesem Orden und bei der Ordensversammlung saßen natürlich alle potentiellen Ge­gner mit denen er Krieg oder Frieden hätte schließen müssen oder können. Wenn man sich jetzt so ein Gremium anschaut und sich vorstellt, was für eine Dimension das damals in einer völlig absolutistischen Zeit hatte, dann kann man daraus Schlüsse auf das heutige Europa ziehen. Wir sehen ein Gremium, in dem eben die ganzen verschiedenen Landesfürsten oder Herrscher beisammen sitzen, um über wichtige Dinge zu entscheiden. Da liegen die Parallelen zur heutigen Zeit völlig klar auf der Hand.

Eines der Prinzipien für die mein Vater immer gekämpft hat ist das Subsidiaritätsprinzip. Ein Prinzip das besagt, daß Entscheidungen immer auf der Ebene getroffen werden sollen, wo sie die unmittelbarste Auswirkung auf den Betroffenen haben. Das sehen wir in der Europäischen Union. Wir wissen von der Theorie her, daß das Subsidiaritätsprinzip eines der Grundprinzipien der Europä­ischen Union sein soll, und wir sehen es in manchen Bereichen in denen es umgesetzt ist. Damals war es in Burgund genauso. Man hat gesehen, daß ein Gremium geschaffen wurde, ein Gremium der Staats- und Regierungschefs – wenn man es auf die heutige Zeit umlegt –, das dazu da war Entscheidungen zu treffen. Das hat natürlich damals eine moderne, polit­ische Dimension hervorgerufen, die genauso eminent war, wie es zu einem späteren Zeitpunkt die Schaffung der Europäischen Gemeinschaft, der Europä­ischen Union war.

Auch die Europäische Gemeinschaft ist aus diesem Zusammenwirken, aus diesem Druck von außen erwachsen. So hat sie politische Dimension gewonnen. Sie hat ihre Institutionen geschaffen und sie hat den Sprung geschafft – oder muß diesen Sprung noch schaffen, wir befinden uns ja noch in einem „work in progress“ – vom alten Europa in eine echte europäische Dimension, so wie Burgund den Sprung geschafft hat vom Spätmittelalter hin in die Renaissance. Zu einem Zeitpunkt wo wir durch die Geschwindigkeit von Kommunikation und Transport eine komplett neue Dimension auf der ganzen Welt erreichen, muß Europa versuchen, dieser neuen Geschwindigkeit, dieser neuen Dimension auch ein politisches Gesicht zu verleihen.

Diese Erkenntnis hat sicher das Weltbild von Otto von Habsburg in einer ganz klaren Art und Weise geprägt. Für ihn hat die burgundische Außenpolitik im ständigen Ausgleich zu den umgebenden Kräften stattgefunden. Die europäische Politik war für die längste Zeit auch ein Bereich, der im Ausgleich zwischen zwei Kräften zu sehen war. In der Schaffung der eigenen Kräfte im Spannungsfeld der beiden Großmächte.

Wenn man diesen historischen Hintergrund betrachtet, dann glaube ich fällt es einem leichter, die Gesamttätigkeit Otto von Habsburgs anzuschauen. Es gab in vielen Darstellungen von Otto von Habsburg immer wieder eine Einteilung in Zeiträume. Interessanterweise gehen die meisten Einteilungen von zwei Perioden aus: da ist der Zeitraum Kronprinz/Monarchie und dann kommt der zweite Zeitraum Europapolitiker. Für mich als seinen Sohn stellt sich das etwas anders dar. Und ich habe das vorher auch schon ­leicht angedeutet. Es gibt sicherlich den Bereich des Kampfes gegen den Nationalsozialismus. Ein Kampf, der ihn als jungen Mann unglaublich geprägt hat. Er, der im Exil groß geworden ist, der die ganzen Schwierigkeiten des Krieges schon als junger Mensch miterlebt hat, davor den Verlust des eigenen Vaters, das Drama der eigenen Familie, das alles hat er stark miterlebt und es hat ihn sehr stark geprägt. Und das führte ihn auch zur Schlußfolgerung, daß man als politisch aktiver Mensch sich für Grundprinzipien einsetzen muß. In diesem Fall war es ganz klar der Kampf gegen Hitler und der Kampf gegen den Nationalsozialismus.

Als der Zweite Weltkrieg vorbei war, ist natürlich der Kampf gegen den Totalitarismus, den er vorher im Nationalsozialismus gesehen hat, weitergegangen. Daraus entwickelte sich eine Strategie: „man muß alle außenpolitischen Mittel nutzen, um dem Totalitarismus, um dem Kommunismus entgegen zu treten“. Der Kommunismus war die große Bedrohung der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Dazu kam als dritte Dimension noch die europäische Dimension hinzu. Man muß das Ganze in einer kompakten Form sehen, weil natürlich der Einsatz für  Europa, der Einsatz für eine europäische Dimension gleichzeitig der Kampf gegen den Totalitarismus war.

Nun will ich darauf eingehen, wie sich diese Tätigkeit meines Vaters in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg dargestellt hat. Man darf nicht vergessen, daß er seit er ein junger Mann war, ständig auf der Flucht war. Er war ständig im Exil. Er ist ununterbrochen herumgereist. Er ist in der gesamten Zeit des Zweiten Weltkrieges praktisch ein Gejagter gewesen, er ist verfolgt worden. Und er hat nach dem Zweiten Weltkrieg das erste Mal die Möglichkeit gehabt, sich irgendwo niederzulassen. Er hat dies ganz bewußt in der Nähe von Österreich, einem Land das er nicht bereisen ­konnte, getan. Er hat sich in Bayern niedergelassen, hat eine Familie gegründet und hat sich eben dem erwähnten Hauptthema gewidmet, mit vielen Publikationen, aber auch mit einer sehr starken Reise- und Vortragstätigkeit. Ich erinnere mich gut daran, mein Vater ist damals zwei Mal pro Jahr jeweils für sechs Wochen verreist. Er war immer einmal in den Vereinigten Staaten von Amerika und einmal für sechs Wochen meistens in Ostasien unterwegs. Seine Haupttätigkeit waren Vorträge, die sogenannten ‚lecture tours‘. Es waren aber auch sehr viele Besuche von Konferenzen und der Besuch von Konflikt- und Krisenherden in Asien und in Afrika dabei. In all diesen Tätigkeiten, das sieht man auch an den Publikationen aus der Zeit, stand natürlich der Kampf gegen den Kommunismus, gegen die Dominanz der Sowjetunion ganz im Vordergrund. Es hatte aber auch eine europä­ische Dimension. Man darf sich Europa natürlich nicht so vorstellen wie heute. Es gab noch den Eisernen Vorhang, aber es gab auch eine beginnende Formation Europas.

Es gab ein Land dem er sehr viel Zeit und Arbeit widmete, das war Spanien. Spanien war ein Land, das einen großen internationalen Einfluß hatte, aber das gleichzeitig international geächtet war. Ein Land das damals durch Franco beherrscht wurde, zu dem Otto von Habsburg persönlich eine gute Beziehung hatte. Diese war historisch gewachsen aus der Zeit des spanischen Bürgerkriegs. Spanien war ein Land, das gewillt war, sich ganz klar antikommunistisch zu definieren und auch weltweit unter dieser Prämisse zu agieren.

Der Kampf gegen den Totalitarismus

Wir sprechen von einer Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, wie wir sie vielleicht aus Filmen kennen. Denken wir an den „Dritten Mann“ von Orson Wells, stellen wir uns vor, wie Wien damals ausgesehen hat als Metropole der Spionage. Das hat es nach dem Zweiten Weltkrieg natürlich nicht nur in Wien, sondern in vielen anderen Orten auch gegeben. Nicht nur in Europa, sondern genauso in Asien. Dort darf man das Spannungsfeld vor allem zwischen China und Taiwan nicht vergessen. Chiang Kai-shek hat in Taiwan praktisch eine antikommunistische Hochburg errichtet, die unglaublich schlagkräftig war. Er war auch gewillt, sich international politisch zu engagieren. In Europa war es eben vor allen Dingen Spanien. Aber auch auf amerikanischer Seite gab es eine ganze Reihe von Kräften, die sich hier entsprechend stark engagiert haben. Und es gab eine ganze Reihe von internationalen Organisationen, die damals in diesem Sinn gearbeitet haben, und die es meist heute nicht mehr gibt. Es gab auf der asiat­ischen Seite eine Organisation zu deren Gründern auch Otto von Habsburg gehörte. Diese hieß APACL: „Asian Peoples Anti Communist League“ (frei übersetzt: Antikommunistische Liga der asiatischen Völker, Anmerkung). Sie wurde 1951 in Taiwan gegründet, unter Mitwirkung von Chiang Kai-shek, und hat dann einen internationalen Arm bekommen, die „World Anti Communist League“ WACL. Wir befinden uns in einem Zeitraum – und das darf man nicht vergessen – in dem die Sowjetunion im Durchschnitt alle sechs Monate ein neues Land unter ihren Einflußbereich brachte. Die meisten Länder, die unter ihren Einflußbereich kamen, waren Länder entweder auf dem afrikanischen Kontinent oder im pazifischen Raum. Ziel von solchen Organisationen war es, eine internationale antikommunistische Vernetzung zu schaffen.

Es gab dann noch andere Organisationen, die sich in Europa gründeten. Zum Beispiel das CEDI, „Centre Européen de Documentation et Information“ (frei übersetzt: Europäisches Dokumentations- und Informationszentrum, Anmerkung). Es gab eine ganze Reihe von damals sehr bedeutenden Politikern, die von Anfang an dabei waren wie Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß. In Spanien war es Minister Alfredo Sanchez-Bella, oder auch Hans-Joachim von Merkatz um noch jemanden aus Deutschland zu nennen. Es gab sehr viele Persönlichkeiten, die damals mitgewirkt haben, mit dem Ziel eine Organisationen zu schaffen, die eine Art Außenpolitik machen konnte, wie es auf nationaler Ebene nicht möglich war. Es wurde dann in den 50er Jahren eine weitere Organisation gegründet, die es heute noch gibt, „Le Cercle Pinay“. Antoine Pinay war damals französischer Premierminister, der eine Art Interessensgruppe schuf, der danach unglaubliche Dinge vorgeworfen wurden. Man bezeichnete es als Verschwörungsverein und Bilderberger-Ableger. Dabei war es nichts anderes als eine Organisation von Interessierten aus dem politischen Bereich und aus dem Sicherheitsbereich, die gesagt haben‚ wir engagieren uns um Einfluß zu nehmen gegen eine Expansion der Sowjetunion, aber auch für eine konservative Ausrichtung. Und diese Organisationen – die meisten gibt es heute nicht mehr – waren damals eine der ganz großen Tätigkeitsbereiche von Otto von Habsburg, wo auch unglaublich viele politische Kontakte international geknüpft wurden, die dann über Jahrzehnte hinweg wichtig waren.

Ein Faktum, das seine Gedankenwelt stark prägte, war die Tatsache, daß Außenpolitik nicht nur durch Außenminister gemacht wird, sondern auch im Rahmen von internationalen Organisationen, von NGO's wie man es heute ausdrückt, gestaltet werden kann. Hier noch eine kurze Geschichte. Eine der heute noch existierenden Organisation ist „Le Cercle“. Ich nehme auch regelmäßig an den Sitzungen teil. Es ist überhaupt nichts Geheimnisvolles dabei. Es ist einfach eine Gruppe von interessierten Persönlichkeiten. Ich habe dort einmal einen Vortrag gehalten über die Geschichte von „Le Cercle“, weil die meisten heutigen Teilnehmer nicht mehr seine Entstehungsgeschichte kennen.

Es gab ein Land, das meinen Vater immer besonders bewegt hat, das war Rhodesien. Er hat persönliche Freundschaften dort gehabt. Er hatte das Gefühl, daß es ein Land ist, welches durch sein Mutterland Großbritannien verraten und verkauft wurde. Die Geschichte hat ihm zweifellos Recht gegeben, wenn wir uns anschauen, wie die Situation von Zimbabwe heute ausschaut. Wir wissen, das ist eine klare Konsequenz der offiziellen englischen Außenpolitik der damaligen Zeit. Und viele Personen, die erkannt hatten was hier schief lief, saßen eben auch in „Le Cercle“ zusammen und versuchten, durch das persönliche Netzwerk eine Außenpolitik zu schaffen um diesem armen gequälten Land im Herzen des südlichen Afrika wirklich zu helfen. Einer der Mitglieder des „Le Cercle“ war der damalige Außenminister von Rhodesien, Pieter van der Byl. Und ich hielt einen Vortrag darüber, welche Politik im „Le Cercle“ der damaligen Zeit betrieben wurde. Bei diesem Treffen waren auch einige Vertreter des britischen Außenamtes, die völlig konsterniert waren, als ich erzählte, was dort für politische Kontakte geknüpft wurden und wie unter anderem versucht wurde, die Wirtschaftsblockade von Rhodesien zu umgehen und diesem Land zu helfen, das ja keinen Meereszugang hatte, und in einer sehr schwierigen Situation war. Nach dem Vortrag kamen diese Leute aus dem brit­ischen Außenministerium zu mir und sagten: „Ja, heißt das denn, daß „Le Cercle“ eine Organisation war, die außenpolitisch tätig war, und in der Engländer gegen die Interessen des englischen Außenamtes gearbeitet haben?“ Ich antwortete: „Genau! Genau, das ist es. Die Leute haben er­kannt, daß die offizielle Außenpolitik, die betrieben wurde, absolut falsch war und in die Katastrophe für dieses Land führte. Deswegen müßten alternative Wege beschritten werden.“

Auch in der Außenpolitik gelten Grundprinzipien

Otto von Habsburgs Meinung war es immer, daß es einen offiziellen Weg, und einen alternativen Weg dazu gibt. Man muß immer beide beschreiten, wenn es darum geht, wirklich zum Ziel zu kommen. Diese Zielorientierung war etwas, was ihn besonders ausgezeichnet hat.

Es gab natürlich viele andere Länder, die ihn sehr interessiert haben. Zum Beispiel auf dem afrikanischen Kontinent war es seine sehr starke Beziehung zu Angola und Mozambique, die er damals über die portugies­ischen Kontakte hatte, und die er oft besuchte. Ich bin der Überzeugung, daß diese Tätigkeit, wir reden jetzt wirklich von den 50er und 60er Jahren, vielleicht noch Beginn der 70er Jahre, seine außenpolitische Sicht, seine außenpolitische Vorstellung ungemein geprägt hat. Das Wichtigste in der Außenpolitik ist, daß man sich an Prinzipien orientiert. Daß man nicht nur pragmatische Wege geht, sondern daß man für gewisse Wertvorstellungen eintritt.

Das führt mich wieder zurück zu dem was ich am Anfang sagen durfte. Es gab für ihn Grundsätze, nach denen er Außenpolitik gemacht hat. Über die europäische außenpolitische Tätigkeit werden Sie heute sicherlich noch vieles aus sehr berufenem Munde hören, darum möchte ich darauf gar nicht eingehen. Nur hier die Rückführung wieder zum Anfang. ‚Nur wer weiß woher er kommt, weiß auch wohin er geht, weil er weiß, wo er steht‘.

Man muß wissen, wo Otto von Habsburg hergekommen ist, um zu verstehen, was seine politische Tätigkeit war. Er hat gewußt, man muß eine historische Dimension haben, um sich selbst politisch definieren zu können. Er hat gewußt, man muß aktiv sein und für gewisse Wertvorstellungen eintreten, um diese auch politisch - und in seinem Fall eminent außenpolitisch - umsetzen zu können. Und das ist glaube ich was wirklich die Persönlichkeit Otto von Habsburg geprägt hat.

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