Die franzisko-josephinische Epoche

„Der alte Kaiser“ ist bis heute in seinen Königreichen und Ländern gegenwärtig. Er regierte von 1848 bis 1916 68 Jahre lang und war damit einer der dienstältesten Monarchen Europas. Bei seinem Tod war er so sehr ein Teil des Lebens seiner Völker, dass fast jeder das Gefühl eines persönlichen Verlustes verspürte, so sehr war er zum unverrückbaren politischen und menschlichen Symbol für nahezu drei Generationen geworden.

Schon zu seinen Lebzeiten entstanden Legenden, sowohl über seine Frau, Kaiserin Elisabeth als auch über seine Selbstdisziplin, Arbeitsmoral und Religiosität. Sein Bild als gütiger, fürsorglicher „Übervater seiner Völker“ hält sich bis heute und überdeckt seine Strenge und den Neoabsolutismus, mit dem er als junger Kaiser die Revolution und den Freiheitskampf der Ungarn niedergeschlagen hatte. Gerade in Ungarn ist sein Bild bis heute zwiespältig. Einerseits ist die Revolution von 1848 im ungarischen Bewusstsein stets präsent, andererseits bekam Franz Joseph nach dem Ausgleich von 1867 von den zufriedengestellten Ungarn den Kosenamen „Ferenc Joska“. Seine Frau Elisabeth wurde zur Heldin Ungarns. Die Städte Wien und Budapest entwickelten während seiner Regierungszeit ihre Stadtbilder. „Viribus Unitis“ – „Mit vereinten Kräften“ war sein Wappenspruch, was in einem Vielvölkerstaat wie ein Aufruf an alle galt.

Während des 19. Jahrhunderts entwickelten sich große außenpolitische Verschiebungen, die auf die Monarchie entscheidenden Einfluss ausübten. In diese Zeit fielen die italienische Einigung und die Umwandlung des Deutschen Staatenbundes in einen Bundesstaat unter der Führung Preußens. Franz Joseph musste sich auch mit der Krise des Osmanischen Reiches auseinandersetzen und sein Verhältnis zu Russland planen, ganz abgesehen von der zwiespältigen Rolle, die Frankreich in seinem Verhältnis zum Habsburgerreich während dieser Periode spielte. Die Kriege, die der Kaiser führte, waren überwiegend defensiv. Am Ende seiner Regierungszeit erschienen zum ersten Mal auf der Bühne der Politik der Alten Welt die jungen Vereinigten Staaten von Amerika mit der Reise, die Präsident Theodore Roosevelt nach Europa unternahm. Roosevelt fragte den Kaiser, was denn im 20. Jahrhundert noch der Sinn der Monarchie sei und dieser antwortete: „Ich muss meine Völker vor ihren Regierungen beschützen.“

Sein persönliches Leben war von einer Vielzahl von Tragödien überschattet: sein Bruder Maximilian ließ sich auf das mexikanische Abenteuer ein und wurde schließlich 1867 in Mexiko erschossen. Sein Sohn Rudolf kam 1889 tragisch in Mayerling zu Tode und auch seine Frau erlag 1898 einem tödlichen Attentat.  

Waren die Ungarn 1867 und in Folge wenig bereit gewesen, ihren Minderheitenvölkern eigene Rechte zuzugestehen, so versuchte man in der österreichischen Reichshälfte die Völker miteinander zu versöhnen. Es gab ein ständiges Bemühen um ein Ausgleichen der Volksgruppen- und Sprachenproblematik. Der mährische Ausgleich von 1905 war beispielgebend und wurde Zug um Zug in den verschiedensten Teilen der Monarchie verwirklicht. Insofern konnte sich der Vielvölkerstaat noch vor dem grassierenden Nationalismus schützen. Unmittelbar vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs herrschte keineswegs eine revolutionäre Stimmung bzw. war noch kaum die Rede von der Selbstständigkeit einzelner Nationen.

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